Alle zehn Jahre verwandelt sich Oberammergau in eine Theaterbühne. 2.000 Schauspieler und Statisten aus der Gemeinde zeigen in fünfstündigen Aufführungen Leiden, Sterben und Auferstehung von Jesus Christus.

Die biblische Theateraufführung im bayerischen Oberammergau am nördlichen Alpenrand gilt als das weltweit bekannteste Passionsspiel und zählt zum „Immateriellen Kulturerbe“ Deutschlands. Das spektakuläre Laientheater lockt bis zu einer halben Million Zuschauer aus allen Teilen der Erde an. Immer zur vollen Dekade, zwischen Mai und Oktober, zeigen die Dorfbewohner in mehr als hundert Darbietungen die letzten fünf Tage im Leben Jesu und verwandeln Oberammergau in die weltgrößte Freilichtbühne. Neben dem Schauspiel nimmt auch die Musik mit Arien und dramatischen sowie kontemplativen Chornummern einen hohen Stellenwert ein. Sie reflektiert das Leidensgeschehen und basiert im Wesentlichen auf Kompositionen von Rochus Dedler (1779 bis 1822).

Ein Dorf kommt auf die Bühne

Die Oberammergauer Passionsspiele bringen das halbe Dorf auf die Bühne. Rund 2.000 der 5.000 Einwohner, egal welcher Altersstufe, beteiligen sich als Schauspieler, Statisten oder Bühnenarbeiter. Bei der Passion mitzuspielen, ist eine Familientradition. Wenn schon der Großvater dabei war, sind es auch Vater und Sohn. Viele Hauptdarsteller nehmen sich für die Monate des Passionsspiels frei oder verkürzen ihre Arbeitszeit.

Der Startschuss für die Passionsspiele fällt bereits ein Jahr zuvor am Aschermittwoch. Dann ergeht der Haar- und Barterlass. Die Mitspielenden sind angehalten, von diesem Datum an bis zum Ende der Aufführungen nicht mehr zum Friseur zu gehen. Männer sollen sich zudem die Bärte wachsen lassen.

Das Pest-Gelübde beendete die Seuche

Die ersten Oberammergauer Passionsspiele wurden 1634 abgehalten. Zu dieser Zeit wütete die Pest im Land, der auch achtzig Oberammergauer Bürger zum Opfer fielen. Da sie sich nicht anders zu helfen wussten, legten die Menschen ein Gelübde ab. Sie versprachen, regelmäßig das Leiden und Sterben Jesu nachzuspielen, falls sie fortan von der Pest verschont bleiben würden. Von diesem Moment an war kein Pesttoter mehr zu beklagen, und die Geschichte der Passionsspiele begann. Im Jahr 1680 wurde ein Zehnjahresrhythmus festgelegt. Dieser wurde mit Ausnahme einiger politisch bedingter Pausen bis heute eingehalten.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Passionsspiele auch international bekannt. Österreichs Kaiserin Elisabeth saß dort ebenso auf der Tribüne wie der Bayernkönig Ludwig II., Komponist Franz Liszt oder Turmbauer Alexandre Gustav Eiffel. Turnusgemäß hätten die biblischen Aufführungen im Jahr 2020 stattfinden sollen. Wegen der Coronapandemie mussten sie auf den 14. Mai bis 2. Oktober 2022 verschoben werden. Erstmals wird es am 7. und 8. Mai 2022 spezielle Jugendtage geben. Mehr als 8.000 junge Besucher sind zu einem Probespiel sowie einem kirchlichen Begleitprogramm mit ökumenischen Gottesdiensten und Workshops eingeladen.

Alpenpanorama, Neuschwanstein und Wieskirche

Auch abseits der Passionsspiele bietet die Region zahlreiche touristische Höhepunkte. Der Naturpark Ammergauer Alpen lockt mit einem herrlichen Gebirgspanorama, traumhaft gelegenen Seen und malerischen Burgruinen zu Spaziergängen, Hüttenwanderungen, Themenwegen oder Radtouren. Eltern können ihre Kinder mit Freilichtmuseen, Spaßbädern, Bikeparks und einem Märchenwald glücklich machen. Auf Kulturinteressierte warten eindrucksvolle Klöster, Museen und Kirchen. Darunter finden sich einige weltberühmte Bauwerke wie Neuschwanstein, das Märchenschloss von König Ludwig II., das imposante Kloster Ettal mit der barocken Basilika und der Rokoko-Sakristei sowie die kleine, aber prächtig ausgestattete Wieskirche, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.