Kurzfristige Auswirkungen auf die Reiseströme infolge der militärischen Eskalation
Mit Ausbruch des Krieges waren die Flugverbindungen über die Golf-Hubs zunächst unterbrochen und erreichen bisher nicht wieder die ursprünglichen Frequenzen.
Global laufen nach Analysen von Tourism Economics 14 Prozent des internationalen Transitverkehrs über die Hubs am Golf, ca. 28 Millionen Reisen aus dem Nahen Osten sind betroffen, 60 Prozent davon Reisen nach Europa.
In Deutschland entfielen 2025 von allen Flugankünften 4,2 Prozent auf die Drehkreuze in den Golfstaaten – davon 55,1 % direkt aus den VAE und 44,9 Prozent als Transitpassagiere.
Bezogen auf die einzelnen Quellmärkte reisten 2025 73,2 Prozent der Gäste aus den Golfstaaten über Dubai / Abu Dhabi / Doha nach Deutschland, 31,4 Prozent der Gäste aus Singapur, 16 Prozent der indischen, 6,9 Prozent der chinesischen und 4,6 Prozent der japanischen Touristen.
[Aktualisierung vom 11.6.2026]: Nach einem Einbruch der Zahl der Flugankünfte in Deutschland über die Golf-Hubs um 39% im März 2026 zu März 2025 zeigt sich eine schrittweise Verbesserung auf -29% (April 2026 : April 2025) sowie -16% (Mai 2026 : Mai 2025)
Als direkt vom Nahostkonflikt betroffene Märkte generierten 2025 Israel 0,6 Millionen Übernachtungen in Deutschland – ein Marktanteil von 0,8 Prozent und die Golfstaaten 1,2 Millionen Übernachtungen (1,5 Prozent Marktanteil). Aufgrund der überdurchschnittlich hohen Reiseausgaben von Reisenden aus den GCC wirken sich diese Rückgänge jedoch überproportional auf die wirtschaftliche Wertschöpfung aus.
Wirtschaftliche Auswirkungen
Der bereits seit Jahresbeginn verzeichnete weltweite Preisanstieg bei Economy-Flugpreisen von 24 % im Vorjahresvergleich hat durch die mit Kriegsbeginn schlagartig gestiegenen Öl- und Kerosinpreise weiter Auftrieb. Aufgrund der globalen Spotmarktpreise steigen entsprechend die Ticketpreise weltweit auch in den Ländern, die nicht unmittelbar vom Krieg betroffen sind.
Am 16.4.2026 erklärt der Direktor der Internationalen Energieagentur IEA, Europa habe vielleicht noch etwa 6 Wochen Flugzeugtreibstoff. Einige Flüge von Stadt A nach Stadt B könnten in Europa gestrichen werden, wenn die Straße von Hormus nicht bald wieder geöffnet werde.
Die Europäische Kommission erklärte, dass es derzeit keinen Mangel an Flugzeugtreibstoff gibt und dass ein solcher Mangel in der Zukunft nicht erwartet wird – vorausgesetzt, dass die Straße von Hormus Anfang Juni wieder geöffnet wird. Insofern eine klare Veränderung im Vergleich zu den alarmierenden Warnungen vor nur wenigen Wochen. Es gibt jedoch weiterhin Bedenken hinsichtlich der Treibstoffversorgung bis zum frühen Herbst, falls der US-amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran andauert und die Öltransporte durch die Straße von Hormus nicht wieder normale Mengen erreichen (ETC Iran Conflict Monitor vom 26.5.2026).
[Aktualisierung vom 11.6.2026]: Am 5.6.2026 erklärt der EU Kommissar für Verkehr und Tourismus, Apostolos Tzitzikostas, keine Anzeichen für eine Kerosinknappheit in Europa in den kommenden Monaten zu sehen. Hohe Preise brächten die Fluggesellschaften jedoch dazu, unrentable Strecken zu streichen.
Die Europäische Kommission verabschiedete Leitlinien für den EU-Verkehrs- und Tourismussektor angesichts der anhaltenden Unterbrechungen der Kraftstoffversorgung und der Schließung bestimmter Luft- und Schifffahrtsrouten im Zusammenhang mit der Nahost-Krise. Die Leitlinien konzentrieren sich auf die Luftfahrt und befassen sich insbesondere mit den Auswirkungen eines möglichen Mangels an Flugbenzin, sollte der Konflikt andauern.
An erster Stelle unter den Importregionen, die auf den Nahen Osten angewiesen sind, steht OECD-Europa. Der Nahe Osten hat typischerweise bis zu 375 Tsd. b/d oder 75 % der Netto-Importe von Flugbenzin Europas geliefert. Im April 2026 ersetzen vor allem Nordamerika und Afrika (Nigeria) Teile des Imports von Kerosin aus Middle East.
Obwohl die Rohölpreise nach der Schließung der Straße von Hormus nach Angaben von Tourism Economics im März 2026 um 64 Prozent gestiegen sind, erwarten die Analysten „nur“ eine Erhöhung der Base Air Fares um fünf bis zehn Prozent.
[Aktualisierung vom 11.6.2026]: Eine Preissteigerung der durchschnittlichen base fares ohne Steuern und Zuschläge für Flüge nach Deutschland kann nach Auswertung von Daten der Firma Amadeus/Forward Keys für die wichtigsten Overseas Incoming Märkte wie USA, China, Japan für Mai 2026 im Vergleich zum Mai des Vorjahres nicht nachgewiesen werden. Für Flüge aus Indien nach Deutschland ist jedoch im Mai 2026 zu Mai 2025 eine Preissteigerung messbar (+11%).
Klar über Vorjahresniveau die durchschnittlichen base fares ohne Steuern und Zuschläge im Mai 2026 für Flüge nach Deutschland aus UAE (+28%), Saudi Arabien (+2%), Kuwait (+8%), Oman (+5%) und Bahrain (+2%). Für Israel dagegen liegen die durchschnittichen base fares im Mai 2026 um 10% unter Mai 2025.
Zugleich sind auch die Preise für Benzin so stark gestiegen, dass die Branche mit einem Einfluss auf die Reisekosten für Pkw-Reisen in Europa rechnen muss. Mit einem Anteil von 44 Prozent im Modalsplit ist der PKW das Hauptanreisemittel für europäische Reisende nach Deutschland.
Die Deutsche Bahn verspricht Preisstabilität bei den Preisen für ICE Tickets für ein Jahr.
Fluggesellschaften inklusive Lufthansa streichen Kapazität. Laut Guardian wurden weltweit rund 2 Mio. Airline-Sitze aus den Mai-Flugplänen gestrichen. Hintergrund sind stark gestiegene Kerosinpreise und eine erhöhte Planungsunsicherheit. Cirium-Daten zufolge sollen im Mai rund 13.000 Flüge weniger stattfinden; global entspricht das zwar weniger als 2 % der Kapazität, kann aber auf einzelnen Strecken und Drehkreuzen deutlich spürbar sein.
Trotz der erheblichen Störungen des Reiseverkehrs durch den Krieg im Iran und der außergewöhnlich hohen Kerosinpreise stiegen die weltweiten Buchungen von Flugtickets im März und April für Reisen zwischen Juni und September im Vergleich zu denselben Monaten im Jahr 2025 um 6 %.
Derzeit noch gar nicht abschätzbar ist, wie sich die Logistikkosten im Schiffsverkehr, unter anderem für Treibstoffe, Versicherungen und Risikooptimierung der Verkehrswege mittel- und langfristig auf den Warenhandel auswirken.
Eine drohende globale Wirtschaftskrise aufgrund unterbrochener Logistikketten kann über sinkende Kaufkraft in betroffenen Quellmärkten auch Touristenströme schwächen. Dafür gibt es bisher jedoch keine belastbaren Indikatoren.
Verlagerungen in den Reiseströmen und Marktsegmenten
Die European Travel Commission hat die Vielfalt der miteinander verknüpften Auswirkungen insbesondere durch die Einschränkungen im Luftverkehr im „Iran Conflict Monitor – Impact on European Tourism“ in einer Kompilation zwischen dem 17. März und 28. April deutlich analysiert und ein differenziertes Stimmungsbild festgestellt.
Demnach buchen viele Reisende früher als üblich, um sich aktuelle Preise zu sichern und weichen auf alternative, sichere und bezahlbare Ziele aus. Davon dürften in erster Linie Destinationen auf der Kurz- und Mittelstrecke profitieren.
Resilienz des deutschen Incoming-Tourismus
Rund 77 Prozent der Ausländerübernachtungen in Deutschland werden durch innereuropäische Reisende generiert. Zusätzlich ist zu erwarten, dass intraeuropäische Reisen durch den aktuellen Konflikt 2026 zunehmen werden. So stellt die European Travel Commission in einer Erhebung nach Ausbruch des Irankriegs eine Steigerung der innereuropäischen Reiseabsichten um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahreszeitraum fest.
Das bestätigt eine erste Studie von Appinio im Auftrag der DZT nach Beginn des Iran-Krieges, laut der die Reiseabsichten aus den großen Quellmärkten Niederlande und Belgien nach Deutschland steigen.
Nach Auswertungen von IATA fliegen Europäer um 8 % weniger zu Zielen außerhalb der Region als im Vorjahreszeitraum, während die Buchungen für Reisen innerhalb Europas um 2 % gestiegen sind. Amadeus-Daten zeigen weiterhin ein hohes Wachstum für regionale Flugsuchen innerhalb Europas (+29%).
Nach Auswertung verschiedener Quellen hat Tourism Economics am 8. April verschiedene Forecast-Szenarien für den deutschen Incoming-Tourismus veröffentlicht.
Aus Europa prognostizieren die Analysten im mittleren Baseline Szenario - bei einer schnellen Beendigung des Krieges – bei den internationalen Übernachtungen in Deutschland ein Plus von 1,9 Prozent im Vorjahresvergleich. Im Downside-Szenario – bei einer Dauer des militärischen Konfliktes von sechs Monaten – würde das Plus im Incoming auf 0,3 Prozent abschmelzen.
Ein differenziertes Bild ergibt sich aktuell in den Überseemärkten. Für betroffene Transitmärkte aus Südostasien melden aktuell 70 Prozent der Reiseunternehmen Verschiebungen oder Stornierungen von Europareisen, während etwa 24 Prozent eine Umlenkung der Nachfrage zugunsten Europas erwarten. Die ETOA berichtet, dass rund 85 Prozent der US-amerikanischen Gruppenreisen für Deutschland bereits fix gebucht sind.
Als Ergebnis einer Befragung von Reiseveranstaltern und DMCs Anfang Mai 2026 berichtet ETOA, dass ein Drittel hohe Auswirkungen mit erheblichem operativen Anpassungsbedarf durch die Nahost Krise verzeichnet.
Aus den GCC erwartet die DZT für 2026 insgesamt geringere Flugkapazitäten, Preissteigerungen und Stornierungen. Andererseits gilt Deutschland als sichere, stabile und klimatisch attraktive Destination. Das vor Beginn des Krieges prognostizierte Plus von fünf Prozent wurde entsprechend von Einschätzungen der DZT aufgrund von Flugdaten und einer Annahme einer Konfliktdauer von 4 Monaten auf minus 14 Prozent angepasst.
Aus Israel führen die Beschränkungen des Flugverkehrs zu stark rückläufigen Übernachtungszahlen in Deutschland. Die DZT erwartet nach der Analyse von Konnektivität und Flugdaten und einer Annahme einer Konfliktdauer von 4 Monaten ein Minus von ca. 18% für 2026 im Vorjahresvergleich. [Aktualisierung vom 11.6.2026]: Für die Monate März 2026 und April 2026 beträgt das Minus bei den Flugankünften aus Israel in Deutschland -70% (März 2026 : März 2025) sowie -55% (April 2026 : April 2025).
Für die Überseemärkte insgesamt prognostiziert Tourism Economics im Baseline-Szenario 2026 ein Plus von 4,5 Prozent für den deutschen Incoming-Tourismus. Im Downside-Szenario könnten Verluste von 9,3 Prozent entstehen.
Stabile Nachfrage bei Online-Portalen
Nach Analysen von Trip Advisor hat sich die Nachfrage nach Deutschlandreisen kurz nach Beginn des Konfliktes wieder erholt. Dazu trägt im Vergleich zur Krisenregion eine hohe Wahrnehmung Westeuropas unter Sicherheitsaspekten bei. Aus den USA und der EU sind keine signifikanten Rückgänge zu verzeichnen, lediglich im asiatisch-pazifischen Raum ist das Nachfrageverhalten volatiler.
Expedia verzeichnet für den Zeitraum nach Kriegsbeginn (28.2.2026 – 3.5.2026) einen Rückgang der Suchvolumina nach Deutschland, dieser fällt mit -2,6% besser aus als für Europa (-4,2%). Gestiegen ist in diesem Zeitraum die Anzahl der Reisenden (+3,3%) sowie der Bruttoumsatz (+9,1%). Die Hälfte des Bruttoumsatzes entfällt dabei auf internationale Gäste.
Conclusio
Die militärischen Konflikte im Nahen Osten wirken sich direkt und indirekt auf den deutschen Incoming-Tourismus aus.
Chancen für das Reiseland Deutschland im internationalen Wettbewerb gründen sich auf das positive Image als sicheres Qualitätsreiseziel und den aktuellen Trend zu intraeuropäischen Reisen.
Chancen für das Reiseland Deutschland im internationalen Wettbewerb gründen sich auf das positive Image als sicheres Qualitätsreiseziel und den aktuellen Trend zu intraeuropäischen Reisen.
Innerhalb der europäischen Wettbewerber kann Deutschland mit einem sehr günstigen Preisniveau punkten. Die Hotelpreise in Deutschland lagen laut MKG Consulting in den ersten vier Monaten 2026 mit durchschnittlich 100 euro unter Vorjahresniveau (103 euro) und deutlich unter den Preisen der Wettbewerber Frankreich, Italien, Schweiz, Spanien und Österreich.
Insgesamt gibt es realistische Chancen, dass Rückgänge aus Nahost strukturell durch Gäste aus Europa und Überseemärkten wie USA, China, Japan oder Indien abgefedert werden können. Bereits in vergangen Krisen zeigte sich die hohe Resilienz des Incoming Tourismus durch die breite Marktaufstellung.
Unter der übergreifenden Voraussetzung, dass es keine weitere Eskalation der Konflikte gibt und keine weltweite wirtschaftliche Krise Raum greift, könnte sich der deutsche Incoming-Tourismus ein weiteres Mal als krisenresilient erweisen.
Die DZT ging bis zum Beginn des Iran-Konflikts von einem Wachstum des weltweiten Incoming nach Deutschland von +3,2 % für 2026 aus, unter der Annahme einer stabilen geopolitischen Lage ohne starke Ölpreis- und Inflationsanstiege.
Die Prognose von Tourism Economics vom 08.04.2026 geht von folgendem Szenario für das Deutschland Incoming aus: