Kurzfristige Auswirkungen auf die Reiseströme infolge der militärischen Eskalation
Mit Ausbruch des Krieges waren die Flugverbindungen über die Golf-Hubs zunächst unterbrochen und erreichen bisher nicht wieder die ursprünglichen Frequenzen.
Global laufen nach Analysen von Tourism Economics 14 Prozent des internationalen Transitverkehrs über die Hubs am Golf, ca. 28 Millionen Reisen aus dem Nahen Osten sind betroffen, 60 Prozent davon Reisen nach Europa.
Im Falle einer dreimonatigen Phase erheblicher Störungen des Flugverkehrs und des Zugangs zum Luftraum über eine signifikante Anzahl von Zielen im Nahen Osten aus, gefolgt von einer allmählichen Wiedereröffnung in den folgenden Wochen könnte lt UN Tourism Stand 15.4.2026 die vollständige Erholung des Reiseverkehrs fünf bis sechs Monate nach der Wiederaufnahme der Flüge dauern, was auf Oktober oder November 2026 hinauslaufen würde. Unter diesem unsichereren Szenario schätzt UN Tourism, dass die Zahl der internationalen Touristenankünfte im Nahen Osten im Jahr 2026 um 24 % bis 28 % zurückgehen könnte. Das entspricht 24 bis 28 Millionen weniger internationalen Touristen (über 2 % der weltweiten Ankünfte). Diese Unterbrechung des Reiseverkehrs würde einen geschätzten Verlust von 40 Milliarden USD an Ausgaben von Besuchern in Zielen des Nahen Ostens verursachen.
In Deutschland entfielen 2025 von allen Flugankünften 4,2 Prozent auf die Drehkreuze in den Golfstaaten – davon 55,1 % direkt aus den VAE und 44,9 Prozent als Transitpassagiere.
Bezogen auf die einzelnen Quellmärkte reisten 2025 73,2 Prozent der Gäste aus den Golfstaaten über Dubai / Abu Dhabi / Doha nach Deutschland, 31,4 Prozent der Gäste aus Singapur, 16 Prozent der indischen, 6,9 Prozent der chinesischen und 4,6 Prozent der japanischen Touristen.
Im März 2026 brach die Zahl der Flugankünfte in Deutschland über die Golf-Hubs um ⅓ gegenüber dem Vorjahr ein.
Als direkt vom Nahostkonflikt betroffene Märkte generierten 2025 Israel 0,6 Millionen Übernachtungen in Deutschland – ein Marktanteil von 0,8 Prozent und die Golfstaaten 1,2 Millionen Übernachtungen (1,5 Prozent Marktanteil). Aufgrund der überdurchschnittlich hohen Reiseausgaben von Reisenden aus den GCC wirken sich diese Rückgänge jedoch überproportional auf die wirtschaftliche Wertschöpfung aus.
Wirtschaftliche Auswirkungen
Der bereits seit Jahresbeginn verzeichnete weltweite Preisanstieg bei Economy-Flugpreisen von 24 % im Vorjahresvergleich hat durch die mit Kriegsbeginn schlagartig gestiegenen Öl- und Kerosinpreise weiter Auftrieb. Aufgrund der globalen Spotmarktpreise steigen entsprechend die Ticketpreise weltweit auch in den Ländern, die nicht unmittelbar vom Krieg betroffen sind.
Am 16.4.2026 erklärt der Direktor der Internationalen Energieagentur IEA, Europa habe vielleicht noch etwa 6 Wochen Flugzeugtreibstoff. Einige Flüge von Stadt A nach Stadt B könnten in Europa gestrichen werden, wenn die Straße von Hormus nicht bald wieder geöffnet werde.
[Aktualisiert in der Fassung vom 04.05.2026]: Der EU-Kommissar für nachhaltigen Verkehr und Tourismus, Apostolos Tzitzikostas, erklärte hierzu, dass die Europäische Union trotz der eskalierenden Spannungen im Nahen Osten über ausreichende Flugbenzinvorräte für die kommenden Wochen verfügt, jedoch Vorsorgemaßnahmen vorbereitet, falls die Störungen anhalten sollten.
Die Europäische Kommission kündigte ein neues „Kraftstoffobservatorium“ an, um die Bestände an Flugbenzin zu überwachen und zu verhindern, dass EU-Länder auf Kosten anderer Kraftstoff horten. Inzwischen warnte der führende Energiebeauftragte der EU, Dan Jørgensen, dass die schwere Energiekrise wahrscheinlich die Preise monatelang, wenn nicht jahrelang, steigen lassen wird.
[Aktualisiert in der Fassung vom 04.05.2026]: An erster Stelle unter den Importregionen, die auf den Nahen Osten angewiesen sind, steht OECD-Europa. Der Nahe Osten hat typischerweise bis zu 375 Tsd. b/d oder 75 % der Netto-Importe von Flugbenzin Europas geliefert. Im April 2026 ersetzen vor allem Nordamerika und Afrika (Nigeria) Teile des Imports von Kerosin aus Middle East.
Obwohl die Rohölpreise nach der Schließung der Straße von Hormus nach Angaben von Tourism Economics im März 2026 um 64 Prozent gestiegen sind, erwarten die Analysten „nur“ eine Erhöhung der Base Air Fares um fünf bis zehn Prozent.
Eine Preissteigerung der durchschnittlichen base fares ohne Steuern und Zuschläge für Flüge nach Deutschland kann nach Auswertung von Daten der Firma Amadeus/Forward Keys für die wichtigsten Incoming Märkte wie USA, China, Indien für März 2026 nicht nachgewiesen werden. Gestiegen sind jedoch die durchschnittlichen base fares ohne Steuern und Zuschläge für die möglichen Flüge von UAE, Saudi Arabien, Kuwait, Oman, Bahrain sowie Israel.
Zugleich sind auch die Preise für Benzin so stark gestiegen, dass die Branche mit einem Einfluss auf die Reisekosten für Pkw-Reisen in Europa rechnen muss. Mit einem Anteil von 44 Prozent im Modalsplit ist der PKW das Hauptanreisemittel für europäische Reisende nach Deutschland.
[Aktualisiert in der Fassung vom 04.05.2026]: Die Deutsche Bahn verspricht Preisstabilität bei den Preisen für ICE Tickets für ein Jahr.
Wie weit die Preise für Öl steigen und die Ticketpreise verteuern, hängt unter anderem davon ab, wie lange der militärische Konflikt dauert, wann die Straße von Hormus wieder vollumfänglich sicher befahrbar ist, wann die Infrastruktur der Gas- und Ölindustrie wieder instandgesetzt ist und welche Ergebnisse bei möglichen Friedensverhandlungen erzielt werden.
Derzeit noch gar nicht abschätzbar ist, wie sich die Logistikkosten im Schiffsverkehr, unter anderem für Treibstoffe, Versicherungen und Risikooptimierung der Verkehrswege mittel- und langfristig auf den Warenhandel auswirken.
Eine drohende globale Wirtschaftskrise aufgrund unterbrochener Logistikketten kann über sinkende Kaufkraft in betroffenen Quellmärkten auch Touristenströme schwächen. Dafür gibt es bisher jedoch keine belastbaren Indikatoren.
Verlagerungen in den Reiseströmen und Marktsegmenten
Die European Travel Commission hat die Vielfalt der miteinander verknüpften Auswirkungen insbesondere durch die Einschränkungen im Luftverkehr im „Iran Conflict Monitor – Impact on European Tourism“ in einer Kompilation zwischen dem 17. März und 28. April deutlich analysiert und ein differenziertes Stimmungsbild festgestellt.
Demnach buchen viele Reisende früher als üblich, um sich aktuelle Preise zu sichern und weichen auf alternative, sichere und bezahlbare Ziele aus. Davon dürften in erster Linie Destinationen auf der Kurz- und Mittelstrecke profitieren.
Resilienz des deutschen Incoming-Tourismus
Rund 77 Prozent der Ausländerübernachtungen in Deutschland werden durch innereuropäische Reisende generiert. Zusätzlich ist zu erwarten, dass intraeuropäische Reisen durch den aktuellen Konflikt 2026 zunehmen werden. So stellt die European Travel Commission in einer Erhebung nach Ausbruch des Irankriegs eine Steigerung der innereuropäischen Reiseabsichten um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahreszeitraum fest.
Das bestätigt eine erste Studie von Appinio im Auftrag der DZT nach Beginn des Iran-Krieges, laut der die Reiseabsichten aus den großen Quellmärkten Niederlande und Belgien nach Deutschland steigen.
Nach Auswertung verschiedener Quellen hat Tourism Economics am 8. April verschiedene Forecast-Szenarien für den deutschen Incoming-Tourismus veröffentlicht.
Aus Europa prognostizieren die Analysten im mittleren Baseline Szenario - bei einer schnellen Beendigung des Krieges – bei den internationalen Übernachtungen in Deutschland ein Plus von 1,9 Prozent im Vorjahresvergleich. Im Downside-Szenario – bei einer Dauer des militärischen Konfliktes von sechs Monaten – würde das Plus im Incoming auf 0,3 Prozent abschmelzen.
Ein differenziertes Bild ergibt sich aktuell in den Überseemärkten. Für betroffene Transitmärkte aus Südostasien melden aktuell 70 Prozent der Reiseunternehmen Verschiebungen oder Stornierungen von Europareisen, während etwa 24 Prozent eine Umlenkung der Nachfrage zugunsten Europas erwarten. Die ETOA berichtet, dass rund 85 Prozent der US-amerikanischen Gruppenreisen für Deutschland bereits fix gebucht sind.
Aus den GCC erwartet die DZT für 2026 insgesamt geringere Flugkapazitäten, Preissteigerungen und Stornierungen. Andererseits gilt Deutschland als sichere, stabile und klimatisch attraktive Destination. Das vor Beginn des Krieges prognostizierte Plus von fünf Prozent wurde entsprechend von Einschätzungen der DZT aufgrund von Flugdaten und einer Annahme einer Konfliktdauer von 4 Monaten auf minus 14 Prozent angepasst.
Aus Israel führen die Beschränkungen des Flugverkehrs zu stark rückläufigen Übernachtungszahlen in Deutschland. Die DZT erwartet nach der Analyse von Konnektivität und Flugdaten und einer Annahme einer Konfliktdauer von 4 Monaten ein Minus von ca. 18% für 2026 im Vorjahresvergleich.
Für die Überseemärkte insgesamt prognostiziert Tourism Economics im Baseline-Szenario 2026 ein Plus von 4,5 Prozent für den deutschen Incoming-Tourismus. Im Downside-Szenario könnten Verluste von 9,3 Prozent entstehen.
Stabile Nachfrage bei Online-Portalen
Nach Analysen von Trip Advisor hat sich die Nachfrage nach Deutschlandreisen kurz nach Beginn des Konfliktes wieder erholt. Dazu trägt im Vergleich zur Krisenregion eine hohe Wahrnehmung Westeuropas unter Sicherheitsaspekten bei. Aus den USA und der EU sind keine signifikanten Rückgänge zu verzeichnen, lediglich im asiatisch-pazifischen Raum ist das Nachfrageverhalten volatiler.
Expedia verzeichnet seit Beginn der Krise zwar einen leichten Rückgang der Suchanfragen nach Deutschland um 1,5 Prozent im Vorjahresvergleich aber gleichzeitig eine deutliche Zunahme der Bruttobuchungen nach Deutschland um 8,2%.
Conclusio
Die militärischen Konflikte im Nahen Osten wirken sich direkt und indirekt auf den deutschen Incoming-Tourismus aus.
Chancen für das Reiseland Deutschland im internationalen Wettbewerb gründen sich auf das positive Image als sicheres Qualitätsreiseziel und den aktuellen Trend zu intraeuropäischen Reisen.
Chancen für das Reiseland Deutschland im internationalen Wettbewerb gründen sich auf das positive Image als sicheres Qualitätsreiseziel und den aktuellen Trend zu intraeuropäischen Reisen.
[Aktualisiert in der Fassung vom 04.05.2026]: Innerhalb der europäischen Wettbewerber kann Deutschland mit einem sehr günstigen Preisniveau punkten. Die Hotelpreise in Deutschland lagen laut MKG Consulting im ersten Quartal 2026 mit durchschnittlich 99 euro etwas unter Vorjahresniveau (101 euro) und deutlich unter den Preisen der Wettbewerber Frankreich, Italien, Schweiz, Spanien und Österreich.
Insgesamt gibt es realistische Chancen, dass Rückgänge aus Nahost strukturell durch Gäste aus Europa und Überseemärkten wie USA, China, Japan oder Indien abgefedert werden können. Bereits in vergangen Krisen zeigte sich die hohe Resilienz des Incoming Tourismus durch die breite Marktaufstellung.
Unter der übergreifenden Voraussetzung, dass es keine weitere Eskalation der Konflikte gibt und keine weltweite wirtschaftliche Krise Raum greift, könnte sich der deutsche Incoming-Tourismus ein weiteres Mal als krisenresilient erweisen.
Die DZT ging bis zum Beginn des Iran-Konflikts von einem Wachstum des weltweiten Incoming nach Deutschland von +3,2 % für 2026 aus, unter der Annahme einer stabilen geopolitischen Lage ohne starke Ölpreis- und Inflationsanstiege.
Die Prognose von Tourism Economics vom 08.04.2026 geht von folgendem Szenario für das Deutschlang Incoming aus: