Von Schinkel bis Foster, vom Barock bis in die Moderne: Deutschland ist ein Land der Architektur. Hier wirkten alte Baumeister, hier wurde das Bauhaus gegründet. Eine Auswahl großer und kleiner Ikonen.

Mit Europas schnellstem Aufzug geht es in die Höhe. Neben dem Lifteingang informiert ein Schild über die Kenndaten: Mit 8,5 Metern pro Sekunde schießt der Lift auf eine Förderhöhe von 90,15 Metern. 20 Sekunden dauert das Ganze. Oben angekommen bietet der „Panoramapunkt“ des 1999 fertig gestellten Kollhoff-Towers am Potsdamer Platz eine tolle Aussicht über die deutsche Hauptstadt. Von der Dachterrasse aus zu sehen sind das Brandenburger Tor, die Siegessäule oder Schloss Bellevue, der Sitz des Bundespräsidenten.

Berlin, Stadt der Architektur

Berlin: Bootstour auf der Spree, Reichstag und Paul-Löbe-Haus Berlin: Bootstour auf der Spree, Reichstag und Paul-Löbe-Haus ©visitBerlin (Dagmar Schwelle)

Allein Berlin wartet für Architekturfans mit einer Fülle auf, die für einen wochenlangen Aufenthalt genügen würde: der Französische Dom an einem der schönsten Plätze der Stadt, dem Gendarmenmarkt, wo auch der Deutsche Dom und das Konzerthaus stehen. Oder die Turmruine der neoromanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in der City-West als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung.

In Berlin verwirklichte der Baumeister Friedrich Schinkel die Neue Wache oder das Alte Museum, die als Meisterwerke des Klassizismus gelten. Sir Norman Foster durfte dem als Sitz des Deutschen Bundestages nach der Wende wiederbelebten Reichstag die berühmte und für Besucher seit 1999 begehbare Glaskuppel über dem Plenarsaal aufsetzen. Und Bauhaus-Architekt Mies van der Rohe schuf mit der Neuen Nationalgalerie eine Ikone der Klassischen Moderne. Zu den weniger bekannten Bauten zählen der 1922 eröffnete 65 Meter hohe Borsigturm, das älteste Hochhaus der Stadt. Eine schlichte Schönheit im Osten Berlins ist das von Mies van der Rohe 1932 entworfene „Landhaus Lemke“.

Elbphilharmonie: Wahrzeichen Hamburgs

Hamburg: Elbphilharmonie bei Sonnenaufgang Hamburg: Elbphilharmonie bei Sonnenaufgang ©Hamburg Marketing GmbH (Cooper Copter GmbH)

Neues Wahrzeichen Hamburgs ist die 2017 eröffnete Elbphilharmonie, ein Konzerthaus mit imposantem Glasaufbau in der Hafencity, der auf dem Backsteinsockel eines ehemaligen Speichers errichtet wurde. Ein älteres Aushängeschild von Deutschlands zweitgrößter Stadt ist das UNESCO-geadelte und von Architekt Fritz Höger realisierte Chilehaus im Kontorhausviertel der Altstadt, ein beeindruckendes Beispiel für den Backsteinexpressionismus der 1920er-Jahre. Es verdankt sich der Spende eines Hamburger Kaufmanns, der aus Chile als reicher Mann zurückgekehrt war und zu Errichtung 4,8 Millionen Ziegelsteine aufgekauft haben soll. Die Gebäudespitze erinnert an einen Schiffsbug und zählt zu den europaweit spitzesten Fassadenwinkeln. Während die oberen Stockwerke als Büros vermietet sind, ist der Innenhof mit Geschäften, Cafés und Restaurants frei zugänglich.

Um Hamburgs ältestes Gebäude zu sehen, müssen Sie durch das Hamburger Wattenmeer anreisen – auf die Insel Neuwerk. Sie liegt über 100 Kilometer Luftlinie von Hamburg entfernt, gehört aber zur Hansestadt. Vor Ort steht der über 700 Jahre alte Leuchtturm, der einst gemauert wurde, um den Handel an der Elbmündung zu schützen. Von der Aussichtsplattform aus genießen Sie einen klasse Blick über das Watt.

Für Fachwerk-Fans: Quedlinburg

Quedlinburg: Altstadt Häuserfassade Quedlinburg: Altstadt Häuserfassade ©iStock (mije_shots)

Folgt man der Elbe flussaufwärts, dann der zufließenden Saale und schließlich dem Flüsschen Bode, kommt man nach Quedlinburg zu Füßen des Harz', das exemplarisch zeigt, welche baulichen Perlen auch die deutsche Provinz hegt. Die 24.000-Einwohner-Stadt ist für ihre Altstadt berühmt. Ein Spaziergang verspricht eine Zeitreise durch die Bauepochen des Mittelalters. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es auf engstem Raum so viele Fachwerkhäuser: 2069 aus sechs Jahrhunderten sind es nach letzten Zählungen. Die Bausubstanz in der mittelalterlich anmutenden Stadtanlage wurde 1994 in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen. Besucher können Führungen buchen oder das Fachwerkmuseum im Ständerbau aufsuchen.

Wenn Sie sich für mittelalterliche Bauwerke begeistern, sind sie aber auch in der schwäbischen Kleinstadt Nördlingen in Bayern richtig. Auf 2,6 Kilometern ist der alte, überdachte und um das Jahr 1400 geschlossene Stadtmauerring komplett begehbar. Das ist ebenfalls einzigartig in Deutschland.

Bauhaus at it’s best: Dessau

Dessau: Kornhaus, Architekt: Carl Fieger, 1929/30 Dessau: Kornhaus, Architekt: Carl Fieger, 1929/30 ©Mette Willert (Littlemycph)

Das Mittelalter darf als abgeschlossene Epoche betrachtet werden, das Erbe des Bauhauses wirkt dagegen bis in die Gegenwart in Kunst, Architektur und Kultur nach. Ein großes Bauensemble der von Walter Gropius 1919 in Weimar gegründeten Schule wartet in Dessau anderthalb Autostunden südwestlich von Berlin.

Zum Beispiel errichtete Gropius dort Mitte der 1920er-Jahre neben dem „Bauhaus“-Gebäude selbst die Meisterhäuser – Doppelhäuser zum Wohnen, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Dabei handelt es sich um ineinander verschachtelte kubische Körper, die Räume wurden mit Möbeln von Marcel Breuer ausgestattet. Prominente Erstbezügler waren samt ihrer Familien etwa Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Auch einen Mies van der Rohe-Bau gibt es in Dessau: eine zwischenzeitlich abgerissene, mittlerweile aber rekonstruierte Trinkhalle.

Beleg der Ingenieurskunst: Göltzschtalbrücke

Göltzschtalbrücke: größte Ziegelsteinbrücke der Welt Göltzschtalbrücke: größte Ziegelsteinbrücke der Welt ©AdobeStock (Daniel)

Ein Beleg für Brückenbaukunst überspannt seit 1851 ein tiefes Tal bei Reichenbach im sächsischen Vogtland: die größte Ziegelbrücke der Welt. Bei ihrer Fertigstellung war die Göltzschtalbrücke mit 78 Metern sogar die höchste Eisenbahnbrücke der Welt. Konstruiert wurde sie von dem deutschen Ingenieur Johann Andreas Schubert. Wanderwege führen an dem Bauwerk aus zig Bögen entlang. Für tolle Ausblicke auf die Brücke aus 150 Metern steigt in dem benachbarten Städtchen Mylau ein Fesselballon auf. Das hat Event-Charakter.

Wohnhaus-Ikone der Klassischen Moderne

Düsseldorf: Medienhafen, Frank O'Gehry-Bauten, Froschperspektive Düsseldorf: Medienhafen, Frank O'Gehry-Bauten, Froschperspektive ©Getty Images (Philipp Klinger)

Wie sich avantgardistisches Wohnen in den 1930er-Jahren angefühlt haben muss, lässt sich dagegen kaum besser ergründen, als im östlichsten Zipfel der Republik im "Haus Schminke“ in Löbau in der Oberlausitz. Das von Hans Scharoun für ein Nudelfabrikanten-Ehepaar entworfene organische Gebäude ist eines der wichtigsten Wohnhäuser der Klassischen Moderne. Das "Nudeldampfer“ genannte Meisterwerk bietet etwas, das andere Perlen der Architektur oft nicht zu bieten haben: Während Ihres Deutschlandurlaubes können Sie dort mit Ihrer Familie sogar einchecken und übernachten.

Neben Berlin oder Hamburg haben aber auch andere deutsche Großstädte architektonische Leckerbissen zu bieten: Düsseldorf etwa die schief-verwinkelten Bauten von Frank O’Gehry, München sein Stadion mit den bunt beleuchtbaren Kissen an der Außenfassade von Jacques Herzog und Pierre de Meuron, Frankfurt am Main das höchste Hochhaus Europas, den von Sir Norman Foster erdachten Commerzbank-Tower. Dresden lockt mit seiner Fülle an Barockbauten, darunter Zwinger, Gewandhaus und die wieder aufgebaute Frauenkirche.

Aber Achtung, es besteht namentliche Verwechselungsgefahr. Denn allein in Deutschland stehen nahezu 200 der Heiligen Maria geweihte Kirchen, die sich deshalb „Frauenkirche" nennen. Darunter auch architektonische interessante Bauten aus dem 20. Jahrhundert wie die aus rotem Sandstein errichtete Maria Königin in Saarbrücken von Architekt Rudolf Schwarz, einer der wichtigsten Kirchenbauer Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.