Städte & Kultur
Immaterielles Kulturerbe in Deutschland entdecken
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Orgelklänge erfüllen den Raum, aus glühendem Glas entstehen filigrane Gefäße. Immaterielles Kulturerbe lebt durch Menschen, die überliefertes Wissen, Können und Traditionen bewahren, weitergeben und weiterentwickeln. Zehn von der UNESCO anerkannte Formen dieses Kulturerbes lassen sich in Deutschland in Werkstätten, Museen, auf Theaterbühnen oder in der Natur entdecken.
Wiesenbewässerung: Wasserwege in der Pfalz
Störche auf den Queichwiesen
©Südliche Weinstrasse e.V. (Thorsten Günthert)
Die Wiesenbewässerung in den Queichwiesen bei Offenbach in der Pfalz ist eine jahrhundertealte landwirtschaftliche Technik. Wiesenwässerer lenken seit über 500 Jahren das Wasser der Queich über ein System von Stauwehren und Gräben und verteilen es über die Wiesen. Die selten gewordene Kulturtechnik sichert nicht nur die landwirtschaftliche Wiesennutzung, sondern fördert auch eine artenreiche Kulturlandschaft, die sich zu einem wahren Paradies für Störche entwickelt hat. Erkunden Sie die Queichwiesen auf eigene Faust oder erfahren Sie bei geführten Exkursionen mehr über Technik, Pflanzen- und Tierwelt.
Orgelbau und Orgelmusik: Handwerk voller Klang
Orgel des Dom St. Marien in Freiberg
©AdobeStock (Franz Gerhard)
Leise Flötentöne, mächtige Akkorde: Die Orgel prägt Deutschlands Musikkultur seit Jahrhunderten. Rund 50.000 Orgeln und 400 Orgelbaubetriebe zeugen von dieser lebendigen Tradition. Im Silbermann-Haus im sächsischen Freiberg folgen Sie den Spuren des bedeutenden Barockorgelbauers Gottfried Silbermann und können das Instrument selbst ausprobieren. Im Dom St. Marien erklingt die weltberühmte Silbermann-Orgel bei den traditionellen Abendmusiken. Weitere Einblicke bieten das Orgelzentrum Altes Schloss Valley, das Mecklenburgische Orgelmuseum in Malchow und das Orgelmuseum Borgentreich im Teutoburger Wald.
Flößerei: Auf den Wasserwegen des Holzhandels
Schiltach: Stadtansicht mit Fachwerkhäusern
©AdobeStock (hermes63)
Baumstämme waren Fracht und Transportmittel zugleich. Zu Flößen gebunden, gelangten sie als wichtiger Rohstoff über die Flüsse in die Städte und Handelszentren. Vom Mittelalter bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte die Flößerei den europäischen Holzhandel. In Deutschland endete die gewerbliche Flößerei in den 1980er-Jahren, doch Vereine und Museen bewahren bis heute das Wissen der Flößer. Das Schüttesägemuseum in Schiltach im Schwarzwald erinnert an die Tradition der Kinzigflößerei. Weitere Einblicke in den Holzhandel und die Flößerei eröffnet das Flößermuseum Unterrodach im Frankenwald.
Falknerei: Die Kunst der Jagd mit Greifvögeln
Weißkopfseeadler bei einer Flugvorführung im Falkenhof Schloss Rosenburg
©Falkenhof Schloss Rosenburg (Fr. Bühler)
Seit über 3.500 Jahren jagen Menschen mit abgerichteten Greifvögeln. Eine Kunst, die viel Einfühlungsvermögen verlangt. Bei den Flugvorführungen auf der Rosenburg im Altmühltal erleben Besucher das faszinierende Zusammenspiel von Falkner und Greifvogel hautnah. Das Burgmuseum entführt in die Welt der Falknerei und präsentiert traditionelle Ausrüstung wie Handschuhe und Hauben. Die naturkundliche Ausstellung widmet sich insbesondere der heimischen Tierwelt mit Wölfen, Luchsen und Bären. Weitere Vorführungen bieten die Deutsche Greifenwarte auf Burg Guttenberg mit ihren über 60 Großgreifvögeln sowie die Falknerei Burg Rabenstein in der Fränkischen Schweiz.
Bauhüttenwesen: Handwerk für die Zukunft
Ulmer Münster
©AdobeStock (saiko3p)
Das Bauhüttenwesen entstand im Mittelalter beim Bau großer Kathedralen und Kirchen. Bis heute arbeiten in den Bauhütten Steinmetze, Bildhauer und weitere Handwerker gemeinsam am Erhalt bedeutender Bauwerke und verbinden traditionelle Techniken mit modernem Wissen. Bei einer Führung durch die Ulmer Münsterbauhütte erhalten Sie Einblicke in die Werkstätten und die Arbeit am Münster. Weitere bedeutende Bauhütten gibt es in Köln, Aachen, Regensburg, Mainz und Passau sowie am Dresdner Zwinger. In der Naumburger KinderDomBauhütte können historische Handwerkstechniken selbst ausprobiert werden.
Blaudruck: Weiße Muster, tiefes Blau
Blaudruckverfahren Druckstock und Stoff
©AdobeStock (Mein Name)
Beim Blaudruck schützt eine mit Druckstöcken aufgetragene Paste Teile des Stoffs vor der Indigofarbe. So entstehen weiße Muster auf blau gefärbtem Leinen, Baumwolle oder Seide. Über den niederländischen Seehandel gelangte die Technik im 17. Jahrhundert aus Asien nach Europa. Im 18. und 19. Jahrhundert war sie in Mitteleuropa weit verbreitet. Heute bewahren nur wenige Werkstätten in Deutschland dieses Handwerk. Im Heimatmuseum Scheeßel bei Rotenburg in Niedersachsen wird die Technik lebendig gehalten. Auf dem Meyerhof entdecken Sie eine Blaudruckwerkstatt, in der nach überlieferten Verfahren gedruckt und gefärbt wird. Eine Dauerausstellung erzählt die Geschichte des Handwerks.
Glasfertigung: Von der Schmelze zum Gefäß
Glasmacher bei der täglichen Produktion im historischen Glasturm Gernheims
©LWL-Museum Glashütte Gernheim (Peter Hübbe)
Glühendes Glas nimmt Form an. Im Museum Glashütte Gernheim im westfälischen Petershagen formen Glasmacher mit traditionellen Werkzeugen wie Pfeife, Eisen, Schere und Pinzette aus der zähflüssigen Masse Glasgefäße. Ein Graveur veredelt sie durch Schliff und Gravur. Die rund 2000 Jahre alten Techniken verlangen jahrelange Übung. Führungen, Workshops und Schauproduktionen eröffnen Einblicke in dieses überlieferte Handwerk. Von seiner Geschichte und gestalterischen Vielfalt erzählen auch das Museum Baruther Glashütte in Brandenburg sowie das Glasmuseum Weißwasser in Sachsen.
Hebammenwesen: Wissen für den Lebensanfang
Hebammen begleiten werdende Mütter durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett und unterstützen sie beim Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt. Wie sich die Geburtshilfe wandelte, entdecken Sie in Göttingen. Die Sammlung zur Geschichte der Geburtsmedizin in dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin erzählt anhand historischer Instrumente von früheren Praktiken rund um die Geburt. Im Freilichtmuseum Kommern in der Eifel widmet sich die Ausstellung „Geburt im ländlichen Raum“ dem Thema Hebammenwesen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie zeigt den Arbeitsalltag der Hebamme im Rheinland zu einer Zeit, als Hausgeburten noch die Regel waren.
Genossenschaften: Gemeinsam mehr bewegen
Raiffeisenmuseum Hamm in der Dämmerung
©Kreisverwaltung Altenkirchen (Markus Döring)
Genossenschaften sind Zusammenschlüsse von Menschen, die gemeinsam soziale, kulturelle oder wirtschaftliche Ziele verfolgen. Im Mittelpunkt steht der Nutzen für die Mitglieder statt des Gewinns. Die Idee wurde in Deutschland von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch geprägt. Heute gehören rund 21 Millionen Menschen einer Genossenschaft an, zum Beispiel im Wohnungs- und Bankwesen. Den Anfängen dieser Bewegung kommen Sie im Genossenschaftsmuseum im Schulze-Delitzsch-Haus auf die Spur. Das Deutsche Raiffeisenmuseum in Hamm zeigt Leben und Wirken Raiffeisens und macht die Bedeutung seiner Ideen anschaulich erlebbar.
Moderner Tanz: Gefühle in Bewegung
Potsdam: Tanztage
©Fabrik Potsdam (Sandra Morgenstern)
Wie bewegt sich Sehnsucht? Moderner Tanz verleiht Gefühlen und Erfahrungen eine eigene Bewegungssprache. Entstanden aus der Ausdruckstanzbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, stellt er den Menschen und seine individuelle Bewegungssprache in den Mittelpunkt. Eine Spur führt zum Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Die Choreografin verband Tanz, Theater und alltägliche Gesten zu einer unverwechselbaren Bühnensprache, die bei Aufführungen ihres Ensembles weiterlebt. Das Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln eröffnet mit wechselnden Ausstellungen weitere Einblicke in Geschichte und Gegenwart des Tanzes.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Was ist immaterielles Kulturerbe?
Immaterielles Kulturerbe umfasst lebendige Praktiken, Wissen und Fertigkeiten, die Menschen weitergeben und weiterentwickeln. Dazu gehören etwa Handwerkstechniken, Musik, Tanz und gesellschaftliche Praktiken. Im Mittelpunkt stehen Menschen und ihr Können. Instrumente, Gegenstände, Werkzeuge und Orte können dazugehören, entscheidend ist jedoch die gelebte Praxis.
Wie unterscheidet es sich vom UNESCO-Welterbe?
UNESCO-Welterbe bezeichnet ausgewählte Kultur- und Naturstätten. Immaterielles Kulturerbe würdigt dagegen lebendige kulturelle Praktiken sowie das damit verbundene Wissen und dessen Weitergabe. Eine Werkstatt oder ein Museum ist deshalb nicht automatisch selbst eine UNESCO-Welterbestätte, nur weil dort eine anerkannte Kulturpraxis vermittelt wird. Die vorgestellten Orte und Institutionen eröffnen unterschiedliche Zugänge zu diesem lebendigen Erbe.
Wo lässt sich das Kulturerbe selbst ausprobieren?
Einige der vorgestellten Orte bieten Mitmachangebote an. Im Silbermann-Haus in Freiberg dürfen Besucher beispielsweise an einem Orgelmodell selbst spielen, den Blasebalg treten und das Register ziehen. In der KinderDomBauhütte am Naumburger Dom können im Rahmen verschiedener Angebote traditionelle Tätigkeiten ausprobiert werden, etwa das Bearbeiten eines Reliefs oder das Schneiden, Brechen und Schleifen von Glas in der Glaswerkstatt. Die Angebote richten sich insbesondere an Kinder und Familien.
Wann lässt sich die Wiesenbewässerung beobachten?
Die Queichwiesen werden im Frühjahr und Sommer abschnittsweise bewässert, jeweils nur an bestimmten Tagen. Wer die Technik in Aktion sehen möchte, sollte die örtlichen Bewässerungstermine vor der Reise prüfen. Auch außerhalb dieser Zeiten vermittelt der Rundwanderweg das System. Infotafeln erläutern die Funktion der Gräben und Wehre.
Müssen Besuche und Führungen vorab gebucht werden?
Das hängt vom Angebot ab. Gruppenführungen durch die Ulmer Münsterbauhütte sind an ausgewählten Terminen nach Vereinbarung möglich. Auch Führungen durch die Göttinger Sammlung erfordern eine Absprache. Prüfen Sie beim jeweiligen Anbieter außerdem die Öffnungszeiten, verfügbaren Führungssprachen und die Zugänglichkeit der Besuchsbereiche, insbesondere bei historischen Werkstätten und Gebäuden.